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ABR – nicht nur bei ICP


Ein Erfahrungsbericht.

Als ich ABR kennen lernte und im Laufe der Zeit die ständigen Verbesserungen auch bei schwersten Behinderungen (wie Zerebralparese, Rett-Syndrom, Autismus, Unfallschäden, usw.) miterleben konnte, drängte sich mir die Frage auf:

Warum diese neue Methode nicht auch für mildere Symptome einsetzen?

denn viele der bei CP gebündelt auftretenden und extrem gesteigerten Probleme finden sich vereinzelt und abgeschwächt bei sehr vielen Menschen wieder.

Das veranlasste mich dazu die ABR-Technik bei unserem Pflegesohn Bassam anzuwenden. Jetzt, im Rückblick nach einem Jahr, übertreffen die Fortschritte alle Erwartungen, wobei der geleistete Aufwand von einer Stunde täglich durchaus in den normalen Tagesablauf integrierbar ist. Hilfreich ist sicherlich dass die Arbeit sehr angenehm ist und auch von Bassam selber immer wieder eingefordert wurde.

Zu Bassam´s Vorgeschichte:

Er wurde in der 27. Schwangerschaftswoche im Rettungswagen geboren und verlies die Intensivstation erst wieder in seinem 8. Lebensmonat. Sein Geburtsgewicht betrug 1010 g. Die hochgradige Unreife machte längere Perioden der Beatmung und eine medikamentöse Behandlung des Herzfehlers notwendig. Eine bedrohliche Lungenentzündung führte zu dem Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine unter künstlichem Koma, dazu kamen weitere Komplikationen wie Hauptschlagaderverschluss und Netzhautveränderungen.

Bei seiner Entlassung war Bassam´s Allgemeinzustand stabil, aber immer noch extrem schwach. Neben dem Deprivationssyndrom waren cerebrale Bewegungsstörungen und Bronchopulmonare Dysplasie (Beatmungslunge) die wichtigsten Befunde. Seit dieser Zeit machte er eine zwar langsame, aber stetige Entwicklung durch. Zur Einschulung mit 7 Jahren entsprach sein Entwicklungsstand etwa dem eines 4-jährigen. Jetzt besucht er die 2.Klasse in einer Schule für Geistig-Behinderte.

Was hat sich geändert seitdem wir im Frühjahr 2004 mit ABR angefangen haben?

Am auffälligsten war wohl die rasante Kräftigung seiner Atmung. Die Kurzatmigkeit ist völlig verschwunden und er spricht und singt mit lauter Stimme. Früher saß er am Tisch völlig zusammengesackt, während er jetzt scheinbar mühelos und natürlich aufrecht sitzen kann. Das nächtliche dauernde Hämmern mit dem Kopf (Hospitalismus) hat ganz und gar nachgelassen, ebenso das Flattern mit den Armen, aber erst nachdem es eine kurze Zeit vermehrt aufgetreten war. Berührung war ihm eher unangenehm und er neigte dabei zum Versteifen. Jetzt ist er sehr anschmiegsam und liebt es, unter Einsatz seiner ganzen neu gewonnenen Kraft, jemanden zu umarmen. Besonders im Nackenbereich war er extrem überempfindlich und jede Kopfbewegung verursachte ein deutliches Knacken und Knirschen. Eine Berührung am Nacken stört ihn mittlerweile gar nicht mehr und auch die Geräusche haben deutlich nachgelassen. Die Nackenmuskeln sind entspannter und der Kopf daher auch beweglicher. Alles in allem scheint er sich sehr viel wohler zu fühlen in seiner Haut, wobei diese seelische Seite Hand in Hand geht mit einer bemerkenswerten Veränderung seiner tatsächlichen Haut. Was früher unbelebt und papierdünn wirkte, ist heute durchlebt, geschmeidig und mit einem festeren Unterhautgewebe. Beachtenswert ist auch dass sein kurzsichtiges Auge (2 dpt) wieder normal ist und dass seine vorher stark überkreuzten Schneidezähne fast gerade sind. Die Schwäche im unteren Thorax ist zurückgegangen und was ihm völlig fehlte er entwickelt jetzt eine Gesäßmuskulatur.

Für sich betrachtet, mag jeder dieser Fortschritte vielleicht unbedeutend erscheinen. In ihrer Gesamtheit stellen sie aber für Bassam einen klaren Gewinn an Lebensqualität dar.

Und wie geht es weiter?

Die Freude an dem Errungenen wird uns mit der Arbeit weitermachen lassen, wobei das Augenmerk mehr in Richtung der Beweglichkeit einerseits der Gliedmaßen, andererseits des Denkens gehen wird.

Zum Schluss.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass ABR als manuelle Therapie ausgezeichnete Hilfe leisten kann auf dem Gebiet der Haltung und der Gestalt und auf hiervon abhängige Probleme, wie Verspannungen, Kopfschmerzen, usw.

Die Erfahrungen aus der Arbeit mit CP und die Änderungen die bei Bassam aufgetreten sind, zeigen auch deutlich wie diese Methode in die Tiefe wirkt, sowohl körperlich als auch seelisch. Sie ergreift die Struktur und führt so zu funktionellen Verbesserungen.

Wer insbesondere seinen Kindern helfen will, das Beste aus sich heraus zu holen, dem bietet ABR das „Werkzeug“ mit den eigenen Händen dauerhafte Hilfe zu leisten.

Wilfried Deryckere,
Vater von Bassam.
Mai 2005



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